Podcast-Ankündigung

Ich möchte Sie hiermit auf einen Podcast aufmerksam machen, der am Sonntag, den 06.03.2022 veröffentlicht wird.


Christoph Pacher, der Betreiber der Podcast-Reihe The State of Process Automation, hat mich nach meiner Meinung zu den Folgen der Digitalisierung bzw. der digitalen Transformation befragt. In dem Podcast erkläre ich, warum uns die eigentliche Disruption durch die digitale Transformation erst noch bevorsteht: Die Disruption der IT-Abteilungen, also einem Bereich, von dem man es am wenigsten erwartet hätte.

Wir besprechen die Bedeutung der Handlungsfähigkeit der IT für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und natürlich darf der Prozessgesteuerte Ansatz als Lösungsoption in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Seien Sie also gespannt 😉

PiDiArtify – Die bessere Alternative zu aktuellen Trends in der Digitalisierung bzw. digitalen Transformation

Wer meine Blog-Beiträge und Artikel gelesen hat, weiß um meine Kritik an einigen aktuellen Entwicklungen in der Digitalisierung bzw. digitalen Transformation (zum Unterschied zwischen Digitalisierung und digitalen Transformation siehe meinen Artikel hier). Die Hauptkritikpunkte habe ich in meinem Moral Hazard-Artikel zusammengefasst. Und wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, tritt genau das ein. Auslöser für diesen Blog-Beitrag und meiner Entscheidung, mich mit Entschiedenheit von einigen neuen Trends der Digitalisierung/digitalen Transformation zu distanzieren, war die Keynote von SAP CTO und Mitglied des Vorstands der SAP SE Jürgen Müller anlässlich der SAP TechEd 2021, die man sich hier auch nochmal in Ruhe ansehen kann.

Nun sind No-Code- bzw. Low-Code-Plattformen wahrlich nichts Neues. Doch die Meinung und Aussage von Hrn. Müller ab Minute 36:46 nach der Demo zu SAP‘s neuer No-Code-Plattform SAP AppGyver kann ich so weder teilen noch gutheißen. Ich zitiere wörtlich:

„Actually I hope that some of this can remove some of the inequality in the world we talked earlier about. Just think about it: SAP alone has more than 230 million end users of our cloud applications. And there are a lot more when you include our on-premise systems. And now imagine that we can show all those end users a path to becoming a citizen developer. I’m already looking forward to seeing someone, may be an hourly worker, and she or he extends an SAP-system, for example with SAP AppGyver. This can unlock a new order of magnitude of value creation: for that individual person, of course, but also for society as a whole. And that actually can help closing the skill gap we have, too.“

Frei übersetzt (mit Unterstützung von DeepL):

“Ich hoffe sogar, dass dadurch ein Teil der Ungleichheit in der Welt, über die wir vorhin gesprochen haben, beseitigt werden kann. Denken Sie einfach mal darüber nach: Allein bei SAP gibt es mehr als 230 Millionen Endnutzer unserer Cloud-Anwendungen. Und es sind noch viel mehr, wenn Sie unsere On-Premise-Systeme mit einbeziehen. Und nun stellen Sie sich vor, dass wir all diesen Endnutzern den Weg zum Citizen Developer zeigen können. Ich freue mich schon darauf, wenn ich jemanden sehe, vielleicht einen Stundenarbeiter, der ein SAP-System erweitert, zum Beispiel mit SAP AppGyver. Das kann eine neue Größenordnung der Wertschöpfung freisetzen: für die einzelne Person natürlich, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes. Und das kann tatsächlich auch dazu beitragen, die Qualifikationslücke zu schließen, die wir haben.”

Genau das, was hier angedeutet wird, verstehe ich NICHT unter Digitalisierung und digitaler Transformation. Es ist für mich tatsächlich das genaue Gegenteil!

Konkret: Sollten die Endnutzer nun, wie vorgeschlagen, in wirklich signifikanter Zahl anfangen, Erweiterungen zu ihren geschäftskritischen Anwendungen zu bauen, so ist dies der wahrgewordene Albtraum jeder IT-Abteilung! Eine unüberschaubare Zahl von Kleinstanwendungen mit Zugriff auf hochkritische Backend-Systeme – unvorstellbar. Unzählige ungelöste Fragen in Bezug auf Sicherheit, Last, Performance, Stabilität, Wartbarkeit, Abhängigkeiten zwischen Systemen, usw.

Sicherlich ist es wünschenswert, die Fachexperten mehr in die Ausgestaltung der Geschäftsprozesse mit einzubinden, Agilität ist ebenfalls sehr wichtig, ABER: Dieser Ansatz dazu kann es nun wirklich nicht sein! Und dass damit die Qualifikationslücke geschlossen werden soll, halte ich für Wunschdenken. Im Gegenteil: Es werden mehr IT-Fachkräfte benötigt, um diesen Wildwuchs später kontrollieren zu können. Hier wird in den Unternehmen eine tickende Zeitbombe scharf geschaltet, die in der völligen IT-Handlungsunfähigkeit münden kann. Genau das können sich Unternehmen aktuell in der Digitalisierung bzw. digitalen Transformation nicht leisten!

Kritik muss immer sachlich sein und vor allem sollte man eine bessere Alternative anbieten können. Mein Gegenvorschlag liegt in einer qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Umsetzung von fachlich-getriebenen Geschäftsinnovationen. Diesen Weg zur digitalen Selbstbestimmung und einer neuen Transformation habe ich mittlerweile in unzähligen Büchern, Artikeln, Blog-Beiträgen und auch Online-Seminaren veröffentlicht. Und damit jeder diese Methodik erkennen und zuordnen kann, haben wir ihr einen Namen gegeben: PiDiArtify!

Ich möchte an dieser Stelle auf die neu gegründete, zugehörige PiDiArtify-Initiative hinweisen, in der wir, neben meinen Artikeln und Blog-Beiträgen, über PiDiArtify berichten und unsere Vorstellungen dieser neuen Qualität erklären werden. “Wir” bedeutet in diesem Zusammenhang meine Partner und ich bei 730pm, unserem neu gegründeten Unternehmen mit einer klaren Mission: Hilfe zur Selbsthilfe bei der neuen digitalen Transformation mit PiDiArtify.

Wir suchen Gleichgesinnte, die sich mit den Zielen von PiDiArtify identifizieren können und die zugrundeliegenden Ideen für eine bessere und nachhaltigere digitale Transformation auch weiterverbreiten möchten. Das erste Treffen der Initiative findet online am 28.01.2022 um 15:30 Uhr statt. Zur Teilnahme genügt die Anmeldung zum Newsletter der Initiative unter https://www.pidiartify.de/newsletter/. Ich freue mich auf Ihre Mitarbeit!

Unterschiedliches Verständnis von Digitaler Transformation anhand zweier Beispiele: SAP und MID

In meinem Artikel mit dem Titel „Digitalisierung vs. Digitale Transformation: Warum Digitalisierung nicht genügt“ bin ich auf mein Verständnis eingegangen, was ich unter Digitalisierung bzw. digitaler Transformation konkret verstehe. Das ist natürlich nur meine Sicht der Dinge, denn das Verständnis darüber kann sehr weit auseinanderliegen, wie ich an zwei konkreten Beispielen verdeutlichen möchte. Das erste Beispiel stammt aus einem Newsletter, den ich vorgestern (15.12.2021) in meiner Email-Box fand. Er stammt von der SAP SE und kündigt einen vielversprechenden Artikel mit dem Titel „So treibt die Felix Schoeller Group mit SAP und der Telekom die digitale Transformation voran“ an. Das zweite Beispiel liegt schon etwas länger zurück und betrifft ein Webinar der Firma MID GmbH vom 24.11.2021. Auch dieses Webinar wirbt mit einem nicht minder spannenden Titel: „DATEVs digitale Transformation mit Prozessstandards und Bpanda“.

Offensichtlich nutzen beide Beiträge den Begriff „Digitale Transformation“. Schauen wir mal in die Inhalte und entscheiden anschließend, wie nach meiner Definition die beiden Beispiele einzuordnen sind. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich hier nicht über „richtig“ oder „falsch“ urteilen möchte. Ich möchte lediglich verdeutlichen, wie unterschiedlich ein und derselbe Begriff von SAP, MID und auch von mir interpretiert wird. Ich überlasse es Ihnen, wie Sie darüber urteilen. Eines sollten Sie allerdings aus diesem Vergleich mitnehmen: Fragen Sie immer nach, was derjenige, der Ihnen etwas verkaufen möchte, unter Digitalisierung bzw. digitaler Transformation konkret versteht. Sie beugen dadurch unliebsamen Überraschungen vor. Dabei kann Ihnen mein Grundlagenartikel mit seinen vielfältigen Kriterien als Orientierung zur Einstufung in Digitalisierung bzw. digitale Transformation dienen.

Doch nun zurück zu den Beispielen. Ich beginne mit dem SAP-Artikel, in dem es um das Reisekostenmanagement bei der Felix Schoeller Group, einem Hersteller von Spezialpapieren, geht. Nach meiner Definition gehört dieses Fallbeispiel eindeutig in die Kategorie Digitalisierung. Warum? Die Beschreibung zeigt die Einführung einer Standardlösung. Der Zettelwirtschaft soll ein Ende bereitet und durch digitale Prozesse ersetzt werden. Im Grunde sind also Standardprozesse zu implementieren. Dies ist allerdings eines meiner Kriterien für die Einstufung in die Digitalisierungskategorie. Weiterhin wird im Artikel kurz auf die Vorgehensweise im Projekt eingegangen. So heißt es im Text: „Den Beginn des Prozesses markiert eine Analyse der bestehenden Prozesse.“ Wir haben es hier also mit der klassischen Ist-Aufnahme von Prozessen und folglich mit einem Bottom-Up-Vorgehen zu tun. Auch das ist ein klarer Hinweis auf eine Digitalisierung. Last but not least gehört das Thema „Reisekostenmanagement“ mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zur Kernkompetenz der Felix Schoeller Group und wird dem Unternehmen demnach wohl kaum einen Wettbewerbsvorteil bringen. Der Einsatz von Standardsoftware bringt einem Unternehmen keine, und wenn überhaupt, dann nur relativ kurzfristig Wettbewerbsvorteile, da die Konkurrenz durch den Kauf ähnlicher Software den Vorteil schnell egalisieren kann. Mit anderen Worten: Das Geschäftsmodell hat sich für die Felix Schoeller Group aufgrund des Einsatzes der Standardlösung mit Sicherheit nicht geändert. Der Wettbewerbsvorteilsaspekt und die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells spielen allerdings für meine Definition der digitalen Transformation eine ganz entscheidende Rolle. Dieser Sachverhalt ist hier also nicht erfüllt, folglich handelt es sich bei diesem Beispiel auch nicht um eine digitale Transformation.

Sie sehen also: Gemäß meiner Definition handelt es sich in diesem Fall lediglich um eine Digitalisierung und nicht um eine digitale Transformation.

Dem MID-Anwendungsfall liegt ein Webinar zugrunde, das am 24.11.2021 stattfand und auf YouTube unter diesem Link veröffentlicht wurde. Mit meiner Definition von „Digitaler Transformation“ im Kopf war ich natürlich sehr gespannt, wie die DATEV die digitale Transformation mit Prozessstandards wohl angehen würde. Ich erwartete Informationen über die Steigerung des Automatisierungsgrades bei den Kernprozessen der DATEV und wie dies auf Basis von Prozessmodellen wohl erreicht wurde. Allerdings wurde ich dann doch arg enttäuscht. Denn mit der Automatisierung von Prozessmodellen hatte das Webinar rein gar nichts zu tun. Es ging im Wesentlichen um die kontinuierliche Prozessverbesserung bei der DATEV auf Basis von dokumentierten (!) BPMN-Prozessmodellen und wie man die Zusammenarbeit organisatorisch in den Griff bekommt. Hier muss man den Veranstaltern zumindest zugutehalten, dass durch Einsatz von Tools eine gewisse IT-Unterstützung gegeben war. So saß ich also ungeduldig vor dem Monitor und wartete auf innovative Automatisierungsansätze, die dann leider nicht kamen.

Auf die Frage, ob denn auch an eine Automatisierung der so mühsam erstellten BPMN-Modelle mittels Process Engines gedacht werde (ab Stelle 1h 08min 01sec), kam die Antwort, dass dies bei der DATEV noch in den Kinderschuhen stecke. Überhaupt ist gerade bei dieser Frage eine interessante Verhaltensänderung des DATEV-Experten zu beobachten. Nach der Frage trat zunächst ein vielsagendes Schweigen ein. Für mich wirkte der Herr an dieser Stelle verunsichert. Es folgten halbherzige Aussagen rund zu „Process Mining“ und „Celonis“. Da muss man sich schon fragen, wie man bei Process Engines als erstes an Process Mining denken kann? Später kam dann noch die Automatisierung von Formularen ins Spiel, aber es war deutlich zu spüren, dass über eine BPMN-basierte Prozessautomatisierung, zumindest in dieser DATEV-Abteilung, noch nicht intensiver nachgedacht wurde.

Noch eine kleine Bemerkung am Rande: Im Webinar kam auch die Frage nach der Nutzung der gesamten BPMN-Palette zur Sprache (ab Stelle 1h 01min 30sec). Wie nicht anders zu erwarten, wurde auch diesmal wieder die Mähr von der Komplexität der BPMN erzählt. Man möchte die Leute ja schließlich mit der ganzen BPMN-Fülle nicht verwirren, so die Aussage. Meine Erfahrungen sind jedoch ganz andere. Es ist nach meiner Ansicht essenziell, die gesamte Palette zu kennen, da jedes Element, jedes Symbol und jede Markierung nicht ohne Grund Einzug in den Standard fand. Wenn man die BPMN lehrt, so gibt es stets einen fachlich sinnvollen Anwendungsfall, der den Einsatz jedes Elements rechtfertigt. Wie sollen korrekte und aussagekräftige BPMN-Modelle entstehen, wenn man nur einen Bruchteil der BPMN-Palette den Nutzern zur Verfügung stellt?

Ich finde es zudem anmaßend und bevormundend den Menschen gegenüber, die später die BPMN einsetzen sollen und wollen. Als wären sie nicht selbst in der Lage zu entscheiden, was sie verwenden möchten oder nicht, sofern Sie zumindest einmalig die BPMN-Möglichkeiten erklärt bekommen haben. Ich war jedenfalls einmal mehr enttäuscht darüber, BPMN in ein solch schlechtes Licht gerückt zu sehen.

Alles in allem war das Webinar also eher ernüchternd und gemäß meiner Definition weder eine Digitalisierung noch eine digitale Transformation. Wenn überhaupt, so kann man einen hauchdünnen Digitalisierungsansatz erkennen, da eine toolunterstützte bereichsübergreifende Zusammenarbeit erreicht wurde. Immerhin.

Sie sehen also, Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung und digitale Transformation längst nicht gleich digitale Transformation. Diese beiden Beispiele haben das unterschiedliche Verständnis der Begriffe einmal mehr eindrucksvoll verdeutlicht. Genau das macht die Diskussion um diese Begriffe so schwierig, da jeder etwas anderes darunter versteht. Seien Sie also kritisch, wenn mit diesen Begriffen geworben wird und klären Sie vorher ab, was Sie erwarten können. Nur so können Sie Enttäuschungen vorbeugen.

Beim Prozessgesteuerten Ansatz wissen Sie jedenfalls genau, woran Sie sind: Qualitativ hochwertige Digitalisierung und digitale Transformation gemäß der Begriffsdefinitionen aus meinem Grundlagenartikel. Diese Webseite trägt alles Wesentliche zusammen, was Sie für einen Start in die Digitalisierung bzw. digitale Transformation wissen müssen. Legen Sie los!

Graphic Recording meines Vortrags auf der Konferenz „Agile Verwaltung“

Gestern hatte ich das große Vergnügen, auf der Konferenz „Agile Verwaltung“ in Form eines Impuls-Vortrags über neue Wege der digitalen Transformation in öffentlichen Einrichtungen zu sprechen. Das Feedback zur Session hat mir gezeigt, dass die Botschaft verstanden wurde: Der richtige Weg zur digitalen Transformation führt ausschließlich über den Prozessgesteuerten Ansatz!

Doch auch der Veranstalter hatte eine besondere Überraschung parat: Meine Session wurde in Form eines „Graphic Recordings“ aufgenommen! Es gibt also keine Videoaufzeichnung meines Vortrags, aber eine grafische Aufnahme, die von Imke Schmidt-Sári (123comics) parallel zu meinem Vortrag angefertigt wurde. Und was soll ich sagen? Das „Recording“ ist phänomenal geworden! Ich will Euch dieses Meisterwerk natürlich nicht vorenthalten und darf es mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters und der Künstlerin hier veröffentlichen. Hier ist es also (Tipp: Bild mit rechter Maustaste anklicken und „Bild in neuem Tab öffnen“ auswählen, um das Werk in voller Größe genießen zu können):

Graphical Recording erstellt von Imke Schmidt-Sári (123comics)

Der „Prozessgesteuerte Ansatz“ mal ganz anders repräsentiert. Wenn das keine Lust auf den Prozessgesteuerten Ansatz macht, verstehe ich es auch nicht mehr 😉.

Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung und der Moral Hazard

Leser meiner Webseite wissen, dass ich über die Art und Weise, wie heute Software entwickelt wird, höchst unzufrieden bin. Der Einsatz von Robotic Process Automation (RPA) beispielsweise oder die Programmierung von Prozessen (egal ob monolithisch über starren Programmcode oder über ereignisbasierte Microservices) sind meiner Meinung nach höchst bedenkliche Entwicklungen mit weitreichenden negativen Folgen für Unternehmen, die dem Bestehen der Unternehmen im Zeitalter der digitalen Transformation entgegenwirken.

Die möglichen Auswirkungen dieser Entwicklungen, was das alles mit Nachhaltigkeit und dem Moral Hazard zu tun hat, aber auch welche Möglichkeiten es gibt, den negativen Folgen zu begegnen, habe ich in meinem neuesten Artikel diskutiert. Ich freue mich auf reichlich Feedback!

Digitalisierungs-Eldorado „Öffentliche Verwaltung“

In meinem heutigen Blog-Beitrag möchte ich auf einen hörenswerten Podcast des Handelsblatts aufmerksam machen, der am 09.07.2021 veröffentlicht wurde und unter diesem Link anzuhören ist. In diesem Podcast wird Lars Zimmermann interviewt. Gemäß der oben verlinkten Ankündigungsseite zu dem Podcast „baut Lars Zimmermann mit Public eine sogenannte Venture Firm auf, die Tech-Startups und Verwaltungen zusammenbringt. Außerdem stellt Public Kontakt zwischen Startups und internationalen Investoren her, die gerade enorme Summen in das Feld investieren.“

Inhaltlich werden folgende Fragen diskutiert (ebenfalls obiger Seite entnommen):

„Welche Ideen haben wirklich eine Chance? Wie sieht ein moderner Staat aus? Ist es überhaupt realistisch, dass die schleppende Digitalisierung mehr Fahrt aufnimmt oder bleibt es am Ende wieder bei leeren Versprechen? Und welche Rolle können junge Technologiefirmen bei alledem spielen?“

Soweit also die Ankündigung auf der Handelsblatt-Webseite. Hört man sich den Podcast an, so ist es im Grunde ein einziger Schrei nach dem „Prozessgesteuerten Ansatz“. Wieder einmal geht es im Kern um neue Prozesse, die, wenig überraschend, so schnell wie irgend möglich umzusetzen sind. Auch Lars Zimmermann weist auf den hinlänglich bekannten Punkt hin, dass es nichts bringen wird, aktuelle Prozesse einfach nur digital nachzubauen. An dieser Stelle erinnere ich nur an das altbekannten Dirks-Zitat: „Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess.“

Zimmermann formuliert es etwas eleganter (Minute 11:29): „Wir digitalisieren gerade die Vergangenheit nach.“ Aber er spricht auch die organisatorischen Herausforderungen der Digitalisierung an, denen wir insbesondere hier in Deutschland aufgrund der föderalen Struktur gegenüberstehen. Auf den Punkt gebracht sagt er (Minute 12:35): „Wie machen wir den Föderalismus fit für das 21. Jahrhundert?“

Allein: Wegweisende Antworten, wie das genau zu erreichen ist, findet man nur wenige, denn wir werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das föderale System nicht grundlegend infrage stellen. Von daher bin ich, was diese Forderung angeht, mehr als skeptisch.

Angesprochen auf Public und welche Rolle Public konkret spielt, stimmen mich seine Antworten ebenfalls nachdenklich. Konkret antwortet er (ab Minute 19:40):

„Unser Hebel ist, dass wir sagen, es gibt ’ne ganze Reihe von technologischen Lösungen und Innovationen, die in der Tech-Szene schon bestehen oder dort entwickelt werden und die aber noch keine Anwendung in Verwaltungen finden und wir sagen: Es würde so viel einen Mehrwert für alle möglichen Bereiche geben, wenn wir diese Lösungen aus Deutschland oder aus Europa in Deutschland selber anwenden. D.h. wir versuchen im Grunde genommen diese Brücke zu bauen zwischen Startups/Technologieunternehmen und dem Staat als Anwender und als Nachfrager und als Auftraggeber und damit können wir natürlich z.B. relativ schnell sehr gute Produkte in die Verwaltung bringen.“

Er spricht auch später stets von den „richtigen Produkten“ (21:36) für die Verwaltungen. Das ist typisch für die meiner Meinung nach nicht mehr passende Denkweise im Zeitalter der digitalen Transformation. Es geht eben nicht mehr um fertige Lösungen und Produkte, die dann mal so eben in den Verwaltungen einzusetzen sind. Das verschlimmert den Zustand der Schnittstellenrepublik, wie es die ebenfalls in dem Podcast zitierte Bundeskanzlerin (Minute 24:10) so treffend ausdrückt, nur zusätzlich. Außerdem befindet sich der Markt in einem solchen Wandel, auf welche Lösung sollten die Verwaltungen denn setzen? Die Lösung von heute ist morgen schon wieder veraltet. Wie will man bei diesem Hase-und-Igel-Rennen gewinnen? Glaubt Hr. Zimmermann wirklich, dies ließe sich in diesem Ameisenhaufen in irgendeiner Form geordnet umsetzen? Ich glaube nicht daran.

Das bereits oben angesprochene Zitat der Bundeskanzlerin ist in vielerlei Hinsicht interessant. Hören wir nochmal in den Podcast rein (24:10):

„Wir dürfen keine Schnittstellenrepublik werden, wo wir permanent irgendwelche Schnittstellen miteinander vernetzen, wo sich aber die einzelnen Untersysteme nicht gleichmäßig weiterentwickeln. Und Digitalisierung hat ja ständige Erneuerung und das ist ’ne richtige tiefe Debatte, die wir über die Funktionsfähigkeit eines föderalen Systems im digitalen Zeitalter führen müssen.“

Diese Systemvielfalt ist mit Sicherheit ein Hindernis bei der geforderten schnellen digitalen Transformation Deutschlands. Aber sich dieser Herausforderung zu stellen und Lösungen unter Berücksichtigung der Heterogenität zu finden, genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Stattdessen wird Unmögliches gefordert: Die Untersysteme, wie es die Bundeskanzlerin fordert, sollen sich gleichmäßig weiterentwickeln. Wie soll das funktionieren? Wie soll das in diesem „Hühnerhaufen“ umgesetzt werden? Und das schnell?

Lars Zimmermann schlägt in eine ähnliche Kerbe (ab Minute 24:40). Er fordert die Erfüllung von drei Bedingungen. Sind sie erfüllt, so Zimmermann, dann ist die Skalierung von Technologie zu schaffen:

  1. Zentrales Auffinden der Lösungen und deren Einsatz (aktuell keine Transparenz im Markt, was wo eingesetzt wird)
  2. Interoperabilität
  3. Standardisierung (Marktplatz, Plattform)

Getoppt werden diese Bedingungen mit Zimmermanns Aussage, die den „heiligen Gral der kommunalen Selbstbestimmung in Technologiefragen“ (25:55) infrage stellt. Meine Meinung dazu: Unrealistisch!

Die einzige Möglichkeit, in diesen stürmischen Zeiten die Weichen richtig zu stellen, ist die Standardisierung auf Prozessebene. Diese Prozesse in einem Process App Store zu sammeln und den Verwaltungen dann zur Verfügung zu stellen. Dieser Ansatz scheint mir zielführend und erfolgversprechend zu sein, wenn es darum geht, Prozesse in der Fläche zu skalieren.

Diese Skalierung in der Fläche wird auch von Markus Richter als kritisch angesehen. Markus Richter ist CIO der Bundesregierung und gibt im Podcast ebenfalls ein kurzes Statement ab (Minute 35:10): „Wir haben viele digitalen Lösungen und in vielen Bereichen ist das auch im Praxisbetrieb. Aber es skaliert nicht in der Fläche. Es ist eben nicht so, dass man in Deutschland auf einen Knopf drückt und dann ist der digitale Bauantrag in allen Kommunen vorhanden. […] Das ist die große Herausforderung, die Skalierung in der Fläche.“

Genau diesem Traum des Knopfdrucks und des Ausrollens von Prozessen in der Fläche kommen wir mit dem Process App Store schon sehr nahe, insbesondere natürlich dann, wenn diese Prozesse dem „Prozessgesteuerten Ansatz“ folgen. So können diese innovativen systemunabhängigen Fachprozesse über systemabhängige Integrationsprozesse (siehe hierzu den Abschnitt der „Prozessgesteuerten Architektur“ in meinem Grundlagenartikel über den Prozessgesteuerten Ansatz) an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten der Behörde angepasst werden, in der die neuen Fachprozesse letztendlich zum Einsatz kommen.

In die föderalen Strukturen müsste bei diesem Vorgehen nicht eingegriffen werden. Die Kommunen dürften sogar unabhängig voneinander neue Prozesslösungen erarbeiten und sie im Process App Store zur Wiederverwendung veröffentlichen, alles kein Problem. Es kommt letztendlich zu einem Wettbewerb der Prozessideen und nicht der Produkte und Lösungen! Der bessere (Prozess) möge gewinnen. Und diese könnten anschließend mit überschaubarem Aufwand in den Kommunen zum Einsatz kommen! So könnten Deutschlands Verwaltungen wirklich innoviert werden! Wenn uns das gelänge, könnten wir wieder zu den Vorreitern der Verwaltungen werden, wie uns dies im analogen Zeitalter gelungen war und damit dem finalen Wunsch von Lars Zimmermann erfüllen, wenn er fordert (Minute 47:45):

„Die Bundesrepublik Deutschland sollte die Ambitionen haben zu sagen, wir sind unter den Top Drei Tech-Nationen der Welt. Das sollte und muss aus meiner Sicht die Ambition sein, auch der nächsten Bundesregierung: Zu sagen, es gibt drei Länder, wo Technologien die Basis für zukünftiges Wachstum sind und das sind die USA, das ist China und das ist die Bundesrepublik Deutschland“.

Der „Prozessgesteuerte Ansatz“ steht jedenfalls bereit, um diese Ambitionen Wirklichkeit werden zu lassen!

PiDiArtify-Initiative gestartet

Es ist mir eine Freude, heute eine ganz besondere Initiative ankündigen zu dürfen. Unter „PiDiArtify – die Kunst der methodischen Prozessautomatisierung“ möchte ich meinen Beitrag zu einer nachhaltigen digitalen Transformation von Unternehmen durch Einsatz des Prozessgesteuerten Ansatzes leisten!

Ziel der PiDiArtify-Initiative ist der Aufbau einer Community zum Austausch von Wissen und Erfahrungen zum Einsatz des Prozessgesteuerten Ansatzes in Unternehmen. Dadurch wird eine schnellere Verbreitung des Ansatzes angestrebt und Unternehmen die Chance gegeben, in diesen stürmischen Zeiten der digitalen Transformation zu bestehen und Geschäftsmodelle auf ein neues Niveau zu heben.

Insbesondere Startups eröffnet die Initiative Möglichkeiten, ihre Prozessanwendungen von Beginn an auf ein qualitativ hochwertiges Fundament zu stellen.

Weitere Details zu den Hintergründen und Zielen der Initiative sowie zur kostenlosen Teilnahme sind auf meiner Webseite unter https://volkerstiehl.de/pidiartify zu finden.

Ich hoffe auf eine breite Unterstützung! Auch wenn es sonst nicht meine Art ist, so bitte ich Sie diesmal darum, diese Ankündigung mit so vielen Ihrer Kontakte wie möglich zu teilen.

Vielen Dank schon jetzt für Ihre Unterstützung!

Digitalisierung vs. Digitale Transformation: Warum Digitalisierung nicht genügt

Haben Sie sich schon mal Gedanken über den Unterschied zwischen Digitalisierung und Digitaler Transformation gemacht? Tatsächlich wird der Begriff Digitalisierung in sämtlichen Gazetten und Online-Publikationen inflationär verwendet. Kaum ein Artikel, der ohne ihn auskommt. Dabei ist den wenigsten bewusst, dass die digitale Transformation für die Zukunft von Unternehmen viel entscheidender ist. Höchste Zeit also, sich mit den Unterschieden auseinanderzusetzen und die Herausforderungen für Unternehmen zu beleuchten, wenn sie sich für den einen oder anderen Weg entscheiden. Doch so einfach ist das gar nicht. Als ich mir Gedanken darüber machte, vielen mir so viele Aspekte ein, in denen sich die beiden Begriffe unterschieden, dass sie den Rahmen eines Blog-Beitrags sprengen würden. Also entschloss ich mich dazu, einen separaten Artikel darüber zu schreiben. Dieser Artikel ist nun fertig und kann unter diesem Link nachgelesen werden.

Nach der Lektüre des Artikels werden Sie vielleicht überrascht sein, in wie vielen Nuancen sich Digitalisierung und Digitale Transformation teilweise gravierend unterscheiden. Erstaunlich sicherlich auch die Erkenntnis darüber, welche Konsequenzen Unternehmen zu berücksichtigen haben, wenn Sie den Weg zur digitalen Transformation beschreiten. Interessant sind aber auch die Voraussetzungen, die ein Unternehmen erfüllen muss, um bei der digitalen Transformation erfolgreich zu sein.

Doch letztendlich hilft alles nichts: Ohne digitale Transformation keine Zukunft. Und noch etwas dürfte am Ende des Artikels deutlich geworden sein: Es ist nicht die Digitalisierung, die Unternehmen benötigen. Sie reicht bei weitem nicht aus, obwohl es gerade dieser Begriff ist, der in den Medien so omnipräsent ist. Es ist die digitale Transformation, auf die es ankommt und die den Unterschied ausmacht! Wir sollten zukünftig bewusster mit den beiden Begrifflichkeiten umgehen.

„Selber machen“ ist das Motto der Digitalen Transformation

Vielleicht haben Sie heute (10.03.2021) auch von Apples neuen Plänen hinsichtlich der Investitionen in den Standort Deutschland erfahren. Wie z.B. diesem Artikel auf der Webseite des bayerischen Rundfunks zu entnehmen ist, will Apple mehr als eine Milliarde Euro investieren und u.a. München zum Europäischen Zentrum für Chip-Design ausbauen. Neben diesen erfreulichen Ankündigungen für den Standort Deutschland ist aber eine weitere wichtige Botschaft für uns von besonderem Interesse. Ich zitiere aus obigen Artikel:

„Apple hatte früher für seine Produkte wie iPhone, iPad und Mac vor allem Chips von Herstellern wie Qualcomm und Intel bezogen. Der kalifornische Konzern verfolgt aber seit Jahren einen Masterplan, die wichtigsten Halbleiter selbst zu entwerfen.“

Die Einsicht von Managern, wettbewerbsentscheidende wertschöpfende Aktivitäten selbst zu erbringen und nicht erbringen zu lassen, ist ein ganz typischer Trend bei der digitalen Transformation, der branchenübergreifend zu beobachten ist.

Denken Sie beispielsweise an Tesla. Tesla lässt es sich ebenfalls nicht nehmen, soweit es irgendwie möglich ist, sämtliche in ihren Autos verbauten Teile selbst zu produzieren und nur so wenig wie möglich zuliefern zu lassen.

Bei Amazon geht es soweit, dass der Begriff „Standardsoftware“ für das Unternehmen ein Fremdwort zu sein scheint. Sämtliche Software zur Abwicklung ihrer Prozesse stammt selbstverständlich aus dem eigenen Hause. Es ist dadurch sogar ein eigenes neues Standbein entstanden, das uns allen unter dem Begriff „Amazon Web Services“ (AWS) wohlbekannt ist. AWS ist mittlerweile zu einem wichtigen wirtschaftlichen Bestandteil von Amazon geworden.

Last but not least ist Netflix selbst zum Filmproduzenten geworden und streamt nicht mehr nur die Filme etablierter Studios.

Alle diese Beispiele zeigen eines sehr deutlich: Die Firmen streben eine größtmögliche Unabhängigkeit an, um jederzeit das Ruder fest in den Händen halten und bei veränderten Rahmenbedingungen agieren (und nicht nur reagieren) zu können. Denn in unserer schnelllebigen Zeit der digitalen Transformation ist genau das überlebenswichtig: Schnell agieren zu können!

Vor diesem Hintergrund ist es teilweise nur schwer zu verstehen, wie sich unsere einheimischen Unternehmen aktuell verhalten. Gerade bei IT-Themen scheint es ja nur noch einen großen Trend zu geben: Ab in die Cloud! Unternehmen müssen sich aber im Klaren darüber sein, dass sie die Kontrolle über Stamm- und Bewegungsdaten als auch Prozesse an die Cloud-Dienstleister abgeben. Die Abhängigkeit von dem Cloud-Provider ist also immens.

Schnelle Eingriffe sind da nur schwerlich möglich. Eine für mich angesichts der anstehenden Herausforderungen der digitalen Transformation schwer nachvollziehbare Einstellung. Ich kann nur hoffen, dass wenigstens die für ein Unternehmen wettbewerbsentscheidenden Prozesse im eigenen Rechenzentrum verbleiben. Denn nur so kann zumindest in diesem Kerngebiet adäquat gehandelt werden.

Ähnlich trübe sieht es in unserer Automobilindustrie aus: Sie zeichnet sich dadurch aus, relativ wenig selbst zu produzieren, sondern sich die benötigten Teile und Vorprodukte von unzähligen Partnern zuliefern zu lassen. Auch hier ist eine hohe Abhängigkeit von den Zulieferern zu attestieren.

Was wir hier beobachten ist also das genaue Gegenteil von dem, was obige erwiesenermaßen erfolgreiche Unternehmen aktuell tun.

Das sollte unseren Unternehmen zumindest zu denken geben! Ich für meinen Teil kann „nur“ für die IT-Seite Stellung beziehen. Und da lautet die Devise ganz eindeutig: Nur eine handlungsfähige IT sichert das Überleben der Unternehmen auf ihrem Weg in die digitale Transformation. Umso wichtiger ist folglich die Kontrolle über die eigenen Kernprozesse und die Unabhängigkeit von externen Dienstleistern! Derartige Prozesse haben also nichts in der Cloud verloren. Unternehmen sollten sich also sehr gut überlegen, was sie an externe Cloud-Anbieter auslagern und was nicht. Denn wer weiß, welcher Prozess als nächster von einer disruptiven Innovation betroffen sein wird. Dann können Unternehmen nur hoffen, dass es kein Prozess ist, den sie in die Cloud ausgelagert haben…

Wir sind noch nicht in der Digitalisierung angekommen

Dieser Blog-Beitrag bezieht sich auf einen Artikel von André Ammer, der in den Nürnberger Nachrichten am 16.02.2021 unter dem Titel „Bayern nutzt nun Fachwissen aus Afrika“ erschienen ist. Im Wesentlichen geht der Artikel auf den Einsatz eines neuen IT-Systems namens Sormas in Bayern ein. Sormas hat sich bereits in Afrika bei Ausbrüchen anderer Infektionskrankheiten (genannt werden u.a. Cholera, Ebola und Denguefieber) bewährt. Von diesem Know-how soll nun auch Bayern für die Corona-Pandemie profitieren. Der Hauptartikel selbst ist größtenteils auch online verfügbar, allerdings fehlt in der Online-Ausgabe ein interessanter Kasten, der in der Printausgabe mit „Wie weit sind die Gesundheitsämter in der Region?“ überschrieben ist.

Mir geht es in meinem heutigen Beitrag nicht so sehr darum, ob der Einsatz bzw. ob das System selbst gut oder schlecht ist. Ich möchte den Artikel exemplarisch nutzen, um daran aufzuzeigen, wie sehr wir noch in dem Systemdenken verhaftet sind, den ich für die anstehende digitale Transformation für nicht förderlich halte.

Fangen wir also an: Überfliegen Sie doch spaßeshalber mal den Artikel: Der Artikel wimmelt nur so von Systemnamen (Sormas, Sormas-X, Demis, BaySIM – in dem von mir angesprochenen Kasten kommen dann noch weitere Systeme mit so illustren Namen wie Covid-PIS, R23 und Äskulab21 hinzu) und Problemen der Interaktionen zwischen diesen Systemen. Da ist von Schnittstellenproblemen und nicht kompatiblen Datenaustauschen sowie potenziellen Gefahren wie der händischen Dateneingabe aufgrund inkompatibler Formate die Rede.

Diese Beschreibung trifft auf so ziemlich jedes Unternehmen und jede Behörde zu. Wir haben uns mittlerweile mehr oder weniger mit derartigen Problemen abgefunden, als wäre es ein gottgegebenes Gesetz. Ist halt so. Die Systemlandschaft ist historisch gewachsen. Ein Grundproblem dabei ist meiner Meinung nach das Denken in Systemen: Für jedes Problem gibt es hoffentlich ein dazu passendes System, das dieses Problem löst. Gibt es das System, wird es gekauft. Gibt es das System noch nicht, so muss es eben geschrieben werden. Was sind die Konsequenzen dieses Denkens? In den Rechenzentren dieser Welt treibt der System-Wildwuchs seine Blüten und die Administratoren ersticken in Verbindungsproblemen! An Innovation ist in einer solchen Gemengelage überhaupt nicht zu denken. Man ist froh, das Gesamtgefüge überhaupt irgendwie am Laufen zu halten.

Um es nochmal hervorzuheben: In diesem kurzen Artikel werden in Summe nicht weniger als sieben Systeme angesprochen! Für ein wirklich relativ simples Problem. Zudem ist der Artikel ja für eine breite Masse geschrieben, die sich in der Regel für unterschiedliche Systeme nun wahrlich nicht sonderlich interessiert. Aber dem Autor blieb keine andere Möglichkeit, als sich durch dieses Chaos von Systemen zu arbeiten, um die ganze Bandbreite der Probleme zu beleuchten. Verrückt! Sie können aber davon ausgehen, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist. In den Rechenzentren der Unternehmen und Behörden schlummern Tausende von Systemen. Und diese Systeme sollen dann auch noch, wie durch Geisterhand, Daten mit wildfremden Systemen austauschen können. Mit dieser Herangehensweise ist die Katastrophe allerdings vorprogrammiert: Unzählige Systeme ersticken über kurz oder lang die Handlungsfähigkeit der IT und damit die Handlungsfähigkeit von Unternehmen und Behörden! Die Reaktionsfähigkeit auf neue Herausforderungen nimmt mit jedem weiteren System ab, bis bald gar nichts mehr geht.

Aber genau das ist das Letzte, was wir in Anbetracht der anstehenden Digitalisierungswelle gebrauchen können!

Die Systemvielfalt in Unternehmen und Behörden ist auch kein neues Problem – dieses Problem gibt es schon, seit es Computer gibt. Nur im Zuge der Digitalisierung, wo alles auf Geschwindigkeit und Flexibilität ankommt, wird dieser Umstand zu einem nicht kalkulierbaren Risiko! Die Herausforderungen der Digitalisierung lassen sich mit dem Systemdenken einfach nicht mehr meistern! Das meine ich mit meiner Überschrift, dass wir, wenn wir wie oben beschrieben vorgehen, noch nicht in der Digitalisierung angekommen sind!

So sehr ich die Handlungsweise der Verantwortlichen auch nachvollziehen kann („Ich brauche jetzt eine Lösung und zwar schnell!“), so schmerzhaft wird diese Entwicklung auf lange Sicht sein. Irgendwie scheinen alle auf ein Wunder zu warten bzw. zu hoffen, dass sich die Schnittstellenprobleme irgendwann in Luft auflösen werden. Diese Hoffnung muss ich allerdings nehmen: Das wird nicht passieren!

Typisch dafür ist beispielsweise folgende Passage aus dem Text: „Durch Sormas und Demis wurde auch das System BaySIM abgelöst, das Bayerns ehemalige Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) im Mai vergangenen Jahres vorgestellt hatte. […] Ein Grund dafür: BaySIM war nicht mit allen Systemen kompatibel, die bis dahin in den Gesundheitsämtern verwendet wurden. Deshalb hätte der Import und Export der bisherigen Daten in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie teilweise händisch erfolgen müssen, und dafür hatten die Behörden zu diesem Zeitpunkt einfach nicht die personellen Kapazitäten.“

Warum in Gottes Namen muss ein System mit allen eingesetzten Systemen kompatibel sein? Nach welcher Softwarearchitektur wird denn hier Software entwickelt? Morgen kommt für die Gesundheitsämter eine neue Lösung mit einer neuen Schnittstelle daher und dann werden auch Sormas und Demis weggeworfen oder wie? Oder noch schlimmer: Die neue Software für die Gesundheitsämter ist wirklich signifikant besser, wird aber nicht eingesetzt, weil sie nicht zu Sormas/Demis passt? Wie krank ist das? Zudem: BaySIM wurde im Mai 2020 eingesetzt und wird nach noch nicht einmal einem Jahr schon wieder ersetzt? Was geht da ab?

Für mich klingt das nach totaler Panik und Konzeptlosigkeit. Merkt man denn nicht, dass man sich mit diesem Vorgehen sein eigenes Grab schaufelt? Das Verhalten erinnert mich an folgendes Zitat:

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Tatsächlich kommen wir mit dem Systemdenken im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr weiter. Diese Ära ist definitiv vorbei. Nein, wir brauchen stattdessen mehr denn je einen Befreiungsschlag. Wir brauchen einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Softwarearchitektur und der Softwareentwicklung, der den Anforderungen der Digitalisierung Rechnung trägt. Und diese Anforderungen sind nun einmal Schnelligkeit und Flexibilität! Schnelligkeit und Flexibilität erhält man durch den „Prozessgesteuerten Ansatz“. Der Ansatz bedingt allerdings einen Wechsel weg vom Systemdenken und hin zum Prozessdenken. Prozesse, die durch Modelle explizit gemacht werden, und im Zusammenspiel mit einer nachhaltigen Software-Architektur einen Gesamtansatz entstehen lassen, der den IT-Verantwortlichen endlich wieder die Luft zum Atmen gibt, da sie sich aus dem System-Wirrwarr Schritt für Schritt befreien können! Auf dieser Basis können dann auch wieder Innovationen entstehen!

Ja, das ist neu und ungewohnt, aber die vielversprechendste Antwort auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Prozesse explizit modellieren, diese durch eine Process Engine automatisieren und durch eine separierende Integrationsschicht von der existierenden IT-Landschaft trennen. Diese flexible Software-Architektur ermöglicht dann nachhaltige Prozesslösungen. Aber nicht nur das! Unterhalb der Integrationsschicht kann dann gleichzeitig mit den Aufräumarbeiten begonnen werden: Denn Ziel muss es sein, die IT-Landschaft schrittweise zu vereinfachen und die Anzahl der Systeme zu reduzieren. Dadurch lösen sich Unternehmen und Behörden aus dem Würgegriff der heterogenen IT-Systeme und ihrer Abhängigkeiten. Dank der separierenden Integrationsschicht ist genau dies möglich. Endvision dieser Herangehensweise ist eine Vielzahl von Prozessen, die über einer nur noch geringen Zahl von Basissystemen agieren!

Auf diese Weise gelingt Unternehmen und Behörden die Befreiung aus der einengenden Wirkung des System-Wildwuchses. Der Weg zur Innovation, Schnelligkeit und Flexibilität ist frei. Auf Basis des Prozessgesteuerten Ansatzes kann die digitale Transformation also tatsächlich gelingen!